Rupp M.
Notfall Seele
Methodik und Praxis der ambulanten psychiatrisch-psychotherapeutischen Notfall- und Krisenintervention
1995, 251 Seiten mit 31 Tabellen, 15 x 23 cm kartoniert, G.-Thieme-Verlag Stuttgart mit M. Grünewald Verlag Mainz, ISBN 3-13-102171-3
In zunehmendem Maße wenden sich Patienten mit schwierigen seelischen Notfallproblemen nicht nur an Psychiater und Psychotherapeuten, sondern auch an Rettungsdienstpersonal. Aus diesem Grund möchte der Autor dem Leser eine Hilfestellung geben, wie man sich in diesen Notfallsituationen verhalten soll. Er bietet eine Anleitung zur methodischen Vorgehensweise an und bereitet auf unterschiedliche Notfallsituationen vor. Besonders Mitarbeiter von Polizei und Rettungsdienst werden mit Problemen konfrontiert, in welchem sie sofort handeln müssen. Das Buch versteht sich nicht nur als Hilfsmittel zur praktischen Vorbereitung auf den ambulanten, Notfalleinsatz, sondern auch als Anregung zur Notfallbetreuung von akut seelisch Leidenden. Andererseits soll es ein Handbuch zum Nachschlagen handlungsrelevanter Informationen sein.
Das Buch gliedert sich in 4 Teile: Der 1. Teil „Von der Krise zum Notfall“ versucht zu erklären, dass durch eine ungewohnte innere und äußere Belastung das seelische und psychosoziale Gleichgewicht eines Individiums gefährdet werden kann. Der Notfall wird als Spezialfall einer Krise verstanden. Angesichts drohender Selbst- und Fremdgefährdung bei akuter Überforderung wird augenblickliche Hilfe erwartet. Der Notfall wird als nachvollziehbares Ereignis innerhalb eines komplexen Wirkungsgefüges dargestellt: zurückliegende Ereignisse, verinnerlichte Verhaltensmuster, aktuelle Belastungen und psychosoziale Wechselwirkungen beeinflussen Ereignisabläufe, die auf den ersten Blick chaotisch erscheinen, bei näherer Betrachtung jedoch oft verstehbar werden. Diese Erkenntnis ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sich Notfallhelfer nicht selbst hilflos fühlen und es ihnen besser gelingt, den Klienten und dessen Angehörigen mit Emphatie zu begegnen.
Im Teil 2 werden Methoden der Notfallintervention beschrieben, dies sich keineswegs nur auf den Bereich der präklinischen Versorgung, speziell im Rettungswesen beziehen, sondern eine Vielfalt von Notfallinterventionen an differenten Orten zum Inhalt haben. Der Stellenwert der medikamentösen Therapie wird dabei zurückhaltend eingeschätzt, nachdem sie nach Meinung des Autors bei weniger als 10 % der Notfallpatienten erforderlich erscheint und die meisten seelischen Notfallsituationen ohne sofortige Medikation angegangen werden können. Ziel der medikamentösen Therapie sollte vielmehr die Behandlung akut bedrohlicher Zustände durch Intoxikationen und/oder Erregung, die Beseitigung oder Linderung medikamentöser Nebenwirkung, die Linderung quälender seelischer Beschwerdebilder, die Herstellung der Transportfähigkeit und die Herstellung einer Schlafmöglichkeit sein. Als spezielle Diagnosen werden dabei der Status epilepticus, der schwere psychomotorische Erregungszustand sowie schwere psychotische und drogeninduzierte Angstzustände genannt. Die dazu erforderlichen Medikamente sind im Umschlag noch einmal zusammengefasst.
Für eine Notfallintervention wird eine definierte Handlungsstruktur in 10 Schritten vorgestellt, um gedanklich als roter Faden in dramatischen und unvorhergesehenen Lagen zu diesen und. Diese modellhafte Orientierungshilfe ist in abgekürzter Form im herausklappbaren Umschlagdeckel hinten noch einmal zusammengefasst. Es darf für den Bereich des Rettungsdienstes – für den zugegebenermaßen dieser Handlungsablauf nicht konzipiert wurde – festgestellt werden, dass die Umsetzung dieser Vorgehensweise kaum zu realisieren ist und auch von anderen Voraussetzungen (z.B. dem primären Kontakt mit dem Hilfesuchenden) ausgeht. Andererseits finden sich jedoch in den Ausführungen wertvolle Hinweise für den Umgang mit den betroffenen Personen, die dann im Teil 3 im Rahmen der Praxis der Notfallintervention konkretisiert werden. Die Schilderung konzentriert sich auf häufige Notfallbeschwerdebilder, wie Bewußtseinsstörung, Unruhe, Suizid, Konflikt, Gewalt u.a.. Weniger für den Notfallmedizin, dafür aber für den hinzugezogenen Therapeuten sind die Algorithmen bei Verdacht auf akute Lebensgefahr, sowie die Vorgehensempfehlungen bei nicht ansprechbaren Patienten eine wertvolle Hilfe für ein konkretes Handeln.
Im Anhang findet sich ein Überblick über die medikamentöse Therapie, die sich auf einige wenige Medikamente beschränkt. Diese werden dann noch einmal gesondert mit Indikation, Generic-Names und Markenbezeichnungen getrennt nach Deutschland, Österreich und Schweiz aufgeführt. Als weiterer Anhang sind 2 Formulare als Patientendokumentation und zur Klinikeinweisung vorhanden. Den Abschluss bildet ein 6-seitiges Glossar von Begriffen, die nicht schon im Text erklärt wurden.
Insgesamt handelt es sich primär um ein Buch, das sich vordergründig an psychiatrisch-psychotherapeutisch Tätige wendet. Den Anspruch, dass auch Mitarbeiter des Rettungsdienstes damit ein Lehrbuch zum Nachschlagen während des Notfalleinsatzes angeboten bekommen, wird wohl nicht erfüllt, deshalb kann auch das Buch nicht primär Rettungspersonal und Notärzten als Informationsquelle empfohlen werden. Für den speziell Interessierten finden sich allerdings wertvolle praktische Tipps im Umgang mit psychiatrisch auffälligen Patienten.
P. Sefrin Würzburg





